Hörst du meins, hör' ich deins: Coheed And Cambria vs. Getdown Services
Jonas Silbermann-Schön hört: Coheed And Cambria – “Good Apollo I’m Burning Star IV, Volume 1: From Fear Through The Eyes Of Madness “
Martin Burger hört: Getdown Services – “Crisps”
MB: Mit der dritten Coheed-And-Cambria-Platte gibt’s natürlich die Vollbedienung: Heliumstimme, komplette Hingabe an den Progrock, Konzepterzählung mit Meta-Ebene, sprechendes Fahrrad inklusive. Was daran schreckt dich am meisten ab? Oder alles?
JSS: Progrock ausnahmsweise am wenigsten. Aber vor allem die Stimme und wie Claudio Sanchez die Vokale zieht. Das ist auf über 70 (!) Minuten doch nur schwer erträglich, sei ehrlich! Und wo ist da bitte ein sprechendes Fahrrad?
MB: Nett, dass du fragst! Der Song “Ten Speed (Of God’s Blood And Burial)” ist nach dem Fahrrad benannt. Es drängt den “Writer” der “Amory Wars” dazu, seine Figur Ambellina aus der Story zu löschen. Die steht für Sanchez’ reale Partnerin, die damals offenbar gerade mit ihm Schluss gemacht hatte. Das Album handelt mehr davon als von den “Amory Wars”, mit recht martialischen Texten. Heute sind die beiden übrigens glücklich verheiratet.
»Wenn es eine Serie dazu gäbe und das Album wäre der Soundtrack, würde ich sie vielleicht gucken.«
Jonas Silbermann-Schön
JSS: Freut mich für sie, aber wie soll ich das raushören? Erstmal sind da nur diese schrägen “Oohs” and “Aahs“, dann geht es immer ums Verteidigen von irgendetwas oder ums Kämpfen. Rein akustisch verstehe ich da schon nur einen Bruchteil und ohne mir die Graphic Novel dazu reinzuziehen noch weniger. Funktioniert das Album ohne die überhaupt? Für mich bleibt da kein Song hängen, Sanchez rattert da seine Story runter und irgendjemand gniedelt rum.
MB: Tatsächlich muss man sich bei der Band kein bisschen mit dem Konzept auseinandersetzen. Songs wie “The Suffering” mit seinen Thin-Lizzy-Anleihen oder den Gitarrenwahnsinn von “Welcome Home” und “The Final Cut” kann man völlig unvoreingenommen genießen. Und Refrains kann Sanchez auch schreiben.
JSS: Dass er Gitarre spielen kann, stimmt. Wenn man den Gesang mal ausblendet, hat das bei den paar Songs schon was. Aber Refrains sind ausgerechnet das, was bei mir hier gar nicht hängen bleibt. Sag mir aber mal, was bei “Always & Never” los ist, ich kriege ganz fiese Vibes von diesem Hobbit-Ed-Sheeran-Lagerfeuersong. Das gehört doch nicht ins All.
MB: Bei dir bleiben die Refrains nicht hängen? Unglaublich. “Always & Never” habe ich immer als zweites Intro gesehen – wiewohl es auch hier einen Refrain gibt. Da kann Sanchez offenbar nicht aus seiner Haut. Komm’ mir nicht mit Ed Sheeran, an den war damals zum Glück noch nicht zu denken, und selbst dieses kurze Liedlein wischt mit dem den Boden auf.
JSS: Doch, kein einziger bleibt hängen bei dieser Stimme! Dafür das eigentliche Intro, das klingt nämlich verdächtig nach Star Wars. Das finde ich wenigstens passend – und es gibt keinen singenden Sanchez. Aber wenn es eine Serie dazu gäbe und das Album wäre der Soundtrack, würde ich sie vielleicht gucken. So bleibe ich lieber bei He-Man. So und jetzt zum Thema Hits: Getdown Services haben ausschließlich welche, richtig?
MB: Bleib ruhig dabei, dass nichts hängen bleibt. Deine Sache, wenn du dich unbedingt vor unseren Leser:innen lächerlich machen willst. Die Getdown-Services-Platte fand ich auf Anhieb nicht übel, aber dann plätschert sie eben so vor sich hin. Ich kann Slacker-Disco und Post-Punk mit britischem Zungenschlag gut leiden, ich befürchte nur, Getdown Services gehen zwischen ihren Peers komplett unter.
JSS: Moment mal, da plätschert gar nichts. Höchstens Schweiß auf den Dancefloor. Die Band ist aktuell ziemlich einzigartig und ich würde sogar so weit gehen, dass die noch nicht mal Peers haben. Wer sonst macht auf überdrehte Beastie Boys aus dem englischen Küstenkaff zu heavy Disco-Tunes und nimmt ein paar Songs später super smooth mit Deadpan-Humor Küchenfee Jamie Oliver für immer hops?
MB: Ich würde sagen, wenn das bisher noch nicht passiert ist, wird es Gründe dafür geben. Im Vortrag des Sängers höre ich vielleicht The Streets und auch ein bisschen Sleaford Mods, nur nicht so angepisst. In der Musik dazu spätestens ab dem dritten Song “Cream Of The Crop” Klangmöbel. Heavy hört sich anders an, ich höre da kein Anschwellen, keine Überdrehtheit, keine Dynamik. Jede meiner Lieblingsplatten lebt vom Auf und Ab, von Transformationen in Struktur und Druck. Das fehlt bei Getdown Services. Wenn dann Frotzeleien wie „Nice photo, mate/ Shame you’re in it“ kommen, fühle ich mich in einen Little Britain-Outtake versetzt.
»Jede meiner Lieblingsplatten lebt vom Auf und Ab, von Transformationen in Struktur und Druck.
Martin Burger
JSS: Der monotone Vortrag ist doch zunächst der halbe Spaß, und wenn du richtig hinhören würdest, spielen sich die beiden fast immer in einen Rausch. In “Crisps” etwa. Und wenn man bei “Cream Of The Crop” nicht den Hüftschwung mitfühlt, weiß ich auch nicht. Also ich habe da genug Auf und Ab. Wenn die Alternative Coheed And Cambria mit kompletter Reizüberflutung wie bei einem Action-Space-Shooter-Videogame mit VR-Brille im Zuckerrausch ist, schalte ich lieber “Little Britain” ein. Fand ich früher übrigens sehr lustig. Weil das schlecht gealtert ist, machen es ja jetzt Getdown Services besser.
MB: “Little Britain”, “The IT-Crowd” und “Peep Show”, das war eine Zeit lang genau mein Stoff – hinter Klassikern wie “Blackadder”. Bei den beiden Platten kommen wir nicht mehr zusammen, aber vielleicht bei Serien?
JSS: Zumindest auf “The IT-Crowd” können wir uns wohl einigen!
MB: Immerhin!
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